Lichttechnik bei TEN SING

von Philipp Jardas, philipp@jardas.de

http://www.jardas.de/lichttechnik/?chapter=grundlagen

Beleuchtungstechniken

Beleuchtung kommt aus dem Theater, woher auch sonst. Alle guten Beleuchter haben mal im Theater gearbeitet, oder zumindest mal ein Praktikum dort gemacht. Wenn einer noch nie ein Theater von innen gesehen hat, sieht man das auch sofort am Lichtdesign. Es lohnt sich, ein paar mal in die Oper oder ins Theater zu gehen und sich auf das Lichtdesign zu konzentrieren. Vielleicht kannst du auch mal ein ein- oder zweiwöchiges Praktikum im Schauspielhaus machen. Ich garantiere dir: Danach hast du plötzlich immens mehr Ahnung von Licht als du dir jemals hast träumen lassen. Zur Erinnerung: Die hier vorgestellten Beleuchtungskonzepte treffen so nur für kleine Showbühnen zu. Ich unterteile in Front- und Effektlicht, was übrigens von mir erfundene Begriffe sind. Im Theater unterscheidet man Hauptlicht, Grundlicht, Führungslicht, Aufhelllicht, Baunzlicht, Dreiviertelgegenlicht, Ergänzungslicht, Fülllicht, Akzentlicht, Spitzlicht, Reflexlicht und noch einige Lichtarten mehr.

Frontlicht


        Unsere Beispielbühne, nur mit Frontlicht
      Unsere Beispielbühne, nur mit Frontlicht

Ziel Nummer eins der Beleuchtung ist: Man soll was sehen. Effekte und Selbstdarstellung des Beleuchters kommen weit später. Nochmal: Das wichtigste überhaupt ist, dass man das Bühnengeschehen mitbekommt, gerade bei TEN SING, wo der Zuschauer noch viel mehr an den einzelnen Idividuen interessiert ist. Deswegen erlasse ich hiermit ein kaiserliches Dekret, das allen Lichttechnikern fortan verbietet, farbige Scheinwerfer von vorne aufzuhängen (Ausnahmen bedürfen schriftlicher Genehmigung mit dreifachem Durchschlag mit vierwöchiger Vorlauffrist und erheblicher Bearbeitungsgebühr, einzuwerfen an der grünen Tonne am Eingang). Es ist ganz einfach: Ich will keine grünen oder blauen Gesichter sehen. Weisse T-Shirts sind weiss, nicht rot. Die Dekoration hat nicht umsonst Farben. Also ist das Licht, das von vorne kommt schlicht und ergreifend weiss. Um die Farbe kümmern wir uns im nächsten Kapitel.

Was ist einer der grössten Unterschiede zwischen Porträt-Aufnahmen daheim gemacht und Porträt-Aufnahmen im Fotostudio gemacht? Die Beleuchtung. Ganz genau die Rich- tung, aus der das Licht kommt. Beleuchtet man ein Gesicht frontal, hat man keine Schatten, da das Licht aus derselben Richtung kommt, aus der man blickt. Das Gesicht (und auch Körper und Kleidung und alle anderen Objekte) wirken flach und unplastisch. Das Gegenrezept: Von der Seite beleuchten. Dadurch bekommen Objekte Schattierungen und gewinnen dadurch an Plastizität. Richtlinie sind die berühmten 45°: Einfallende Lichtstrahlen sollten stets einen Winkel von 35°-45° zum Beobachter haben. Der ideale Standort für Scheinwerfer wäre ein Halbkreis über der Bühne, um 45° nach vorne gekippt (kann sich das jetzt jemand vorstellen?). Meist ist es aber schwierig, so etwas zu konstruieren, deswegen wird Frontlicht meist auf Stativen schräg von vorne oder an Traversen vorne über der Bühne platziert. Lieber etwas zu weit aussen als zu weit innen und so hoch wie möglich. Je höher die Scheinwerfer, desto besser kann man Personen ausleuchten, ohne den Hintergrund unnötigerweise auzuhellen. Dadurch setzen sich Objekte auf der Bühne deutlich vom normalerweise unwichtigen Hintergrund ab.


        Links frontal beleuchtet, rechts seitlich mit zwei Scheinwerfern
      Links frontal beleuchtet, rechts seitlich mit zwei Scheinwerfern

Effektlicht

Unsere Beispielbühne mit Front- und EffektlichtUnsere Beispielbühne mit Front- und Effektlicht

Ziel Nummer zwei der Beleuchtung ist: Show machen. Das Prinzip von Effektlicht ist einfach: Bei beleuchtendem Licht ist die Stelle von Bedeutung, an der der Lichtstrahl auf Objekte auftrifft, da diese schlussendlich hell werden. Bei Effektlicht hingegen spielt der Auftreffpunkt keine Rolle, vielmehr interessiert der Strahl selber. Und das ist auch die einzige Aufgabe, die Nebel auf der Bühne hat: Lichtstrahlen sichtbar machen. Einnebeln im herkömmlichen Sinne macht man beim Militär, aber nicht auf einer Bühne auf der auch noch ein Chor steht. Schwacher Nebel ist unheimlich freundlich, denn man sieht im Dunst nur diejenigen Lichtstrahlen, die in Richtung des Beobachters zeigen. Und hier sind wir bei Effektlicht: Farbige Scheinwerfer werden prinzipiell hinter der Bühne aufgestellt und zeigen in Richtung des Publikums. So sieht man die Strahlen im Nebel, während das weisse Frontlicht vom Beobachter wegzeigt und seine Strahlen somit unsichtbar sind. Umgekehrt für die Akteure auf der Bühne, sie sehen normalerweise nur eine weisse Wand vor sich, ob des starken weissen Lichts, das auf sie leuchtet. Aber die Show ist ja für das Publikum und nicht für die Akteure.

So sieht das dann für die Akteure ausSo sieht das dann für die Akteure aus

Nebel

… ist eigentlich der falsche Ausdruck, »Dunst« würde viel besser passen. Der Nebel als solches interessiert ja gar nicht. Im Idealfall wäre der Nebel vollkommen unsichtbar und würde nur da aufleuchten, wo er von einem Lichtstrahl durchkreuzt wird. Dies kann man am besten durch eine regelbare Nebelmaschine realisieren, die im Gegensatz zu Discokomplettzuneblern einen kontinuierlichen schwachen Ausstoss haben, nicht viel mehr, als drei oder vier Zigaretten produzieren. Darüber kommt ein Ventilator, der den Nebel auf der Bühne verteilt.

Ein Beispiel

Wir nehmen als Mindestausstattung zwei Stative mit je zwei 1000W-Stufenlinsen dran und zwei Stative mit je einem 6bar PAR64 Raylight oder CP60. Die Aufstellung kannst du der Skizze entnehmen, das Publikum sitzt auf dieser Skizze unten. Wichtige Punkte: Das Frontlicht kommt eher von der Seite als von vorne. Das Effektlicht ist im hinteren Teil und zeigt Richtung Publikum, idealerweise steht es hinter der Bühne, ansonsten seitlich daneben. Auch das Effektlicht sollte so hoch wie möglich gekurbelt werden. Und wenns sein muss, darf man auch die leidigen Fluter statt der Stufenlinsen nehmen.

Ausleuchten

Beim Frontlicht gilt: Je weiter innen ein Scheinwerfer steht, desto weiter auf die entgegengesetzte Seite muss er leuchten. Leuchten, die ganz aussen stehen, beleuchten die eigene Bühnenhälfte; Leuchten, die innen stehen, beleuchten die entgegengesetzte Bühnenhälfte. Grafisch lässt sich das wohl am besten illustrieren, siehe Skizze. Hat man mehr als zwei Scheinwerfer pro Seite, wird die Bühne in dementsprechend viele Teile unterteilt. Wichtig ist, dass eine Person, egal wo sie im Innern der Bühne steht, mit in allen Richtungen ausgestreckten Armen gut sichtbar ist. So leuchte ich auch normalerweise ein: Ich stelle eine grosse Person mit seitlich ausgestreckten Armen an alle kritischen Punkte der Bühne (vor allem an die Vorderkante!) und stelle die Torblenden dementsprechend ein. Währenddessen sitzt jemand am Pult und macht die von mir gewünschten Leuchten an. Zum Schluss werden alle Frontleuchten voll aufgedreht und man sucht nach »Löchern« in der Ausleuchtung, die dann noch korrigiert werden müssen.

Skizze zum Einleuchten des FrontlichtesSkizze zum Einleuchten des Frontlichtes

Hat man genügend Scheinwerfer, kann man alternativ nach Funktionen beleuchten. Ein Paar Leuchten für den Chor, ein Paar für die Band und so weiter. Die restlichen werden dann fürs Löcherstopfen hergenommen, da insbesondere der Tanz meist die ganze Bühne benutzt.

Das Effektlicht wird nach Ästhetik eingeleuchtet. Hier hat der Lichtdesigner freie Hand zu tun was er will. Ich lasse die Scheinwerfer an einem Bar normalerweise eine Art Fächer bilden, der von der gegenüberliegenden Seite symmetrisch nachgebildet wird. Bei einer kleinen Bühne wie der im Beispiel kann man als Richtlinie alle Scheinwerfer auf die vordere Bühnenkante oder noch ein Stückchen in Richtung Publikum strahlen lassen. Hier klettert einer auf eine Leiter und richtet die Scheinwerfer aus, während du selber am Mischpult sitzt und Anweisungen gibst, idealerweise haben beide zur Stimmschonung ein Mikrofon oder noch besser Funkgerät.

Sicherheit

Safety zur Sicherunggeflogenen MaterialsSafety zur Sicherung
geflogenen Materials

Zentrales Stichwort an dieser Stelle: Die Versammlungsstättenverordnung (VStättV). Jeder Techniker muss diese schon mal gelesen haben. Normalerweise wird keiner von der Bauaufsicht kommen, um eure Bühnen abzunehmen. Wenn aber mal ein Feuer ausbricht oder ein Scheinwerfer runterfällt und ihr auch nur die kleinste Vorschrift nicht beachtet habt, könnt ihr persönlich dafür haftbar gemacht werden. Lasst euch also von keinem einreden, dass man keine Rettungswege braucht und die Scheinwerfer auch nicht gesichert werden brauchen, weil ja eh nichts passieren wird. Am Schluss seid nämlich ihr für alles, was mit Licht und Rigg zu tun hat, verantwortlich. Für TEN SING sind die Abschnitte 2 bis 4 von Bedeutung, insbesondere die §§ 31-34, 80, 81, 103-105, 107-111, 114-120. Besorgt euch ein Exemplar, nehmt es auf jeden Auftritt mit und schenkt dem Orgateam auch gleich noch eins, um sie mal vor den Kopf zu stossen, was man normalerweise so alles falsch macht. Der Versicherung und der Staatsanwaltschaft ist es nämlich ziemlich egal, ob TEN SING einen guten Zweck verfolgt oder nicht.

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